2021 September 7 – 12 / 13:00
Student Projects/Diplomas
“Gelassenheit ist die schönste Form des Selbstbewusstseins”

Waschbecken mit Seifenspendern, furnierte Bürotische, Farbakzente der 90er Jahre und der zurückgebliebene Schriftzug “Gelassenheit ist die schönste Form des Selbstbewusstseins” erzählen von dem vergangenen Leben der Neugeborenen-Station. Die ausgewählten Arbeiten verweben, sperren und verbergen sich an diesem Ort und erweitern die Geschichte des Raumes u.a. mit Bildern von Intimität, Erzählungen über ungewöhnliche Sammlungsdepots und vergangenen Leben, skizzenhaften Annäherungen an Landschaft oder skulpturalen Auslotungen von Materialität. 

Seit 2012 macht Hanna Burkart das Schlafen zum Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Forschung. Das Übernachten wird zur performativen Methode, um ausgewählten Orten näherzukommen und räumliche sowie soziale Aspekte des Schlafens zu Untersuchung. In ihrer Fotoserie SCHLAFEN INTERNATIONAL (2017 - ongoing) dokumentiert sie die poetischen Relikte dieser Handlung, zeigt Bilder von Verletzlichkeit und Intimität. Die detaillierte Liste ihrer vergangenen Schlaforte verbindet sich in dieser Ausstellung auf direkte Weise mit dem zurückgelassenen Whiteboard der Krankenstation, das letzte Patientinnen und ihre jeweiligen Krankenzimmer listet. 

Sehnsüchte und Erinnerungen, aber auch Einschließen eingeschlossen Sein und Ausschließen und ausgeschlossen Sein, nehmen in My Fence, my Paradise (2019) von Alice von Alten eine entscheidende Rolle ein. Mit der Hülle einer Baumumzäunung, verfremdet und entkleidet durch den Ortswechsel in den Innenraum, befragt von Alten den menschlichen Wunsch sowie die Illusion der Beherrschung und Kontrolle von Natur. Die Auseinandersetzung mit Landschaft als politisches Ausdrucksmittel und Abbildungen politischer Macht zieht sich durch von Altens Arbeit. In Malereien wie beispielsweise I like the View up Here (2021) untersucht sie Möglichkeiten der Abstraktion und Dekonstruktion von Landschaftsdarstellungen. 
 
Leere Regale und unbenutzte Bürotische bilden den passenden Rahmen für die Videoprojektion Myriad Tentacles Will be Needed (Again and Again) (2021) von Ana Likar. Was einst der größte Lagerkomplex Jugoslawiens war, entwickelte sich Anfang der 90er-Jahre zu einem "lebendigen, dynamischen kommerziellen Organismus", einem Einkaufszentrum namens City. In einigen der fast 400 Geschäftslokalen versteckt ist heute auch das Depot des slowenischen Naturkundemuseums (Insekten, Wirbeltiere, Herbarien). In stillen Bildern nähert sich Likar der Erzählung rund um diese ungewöhnliche Archivstätte, ohne je ganz das Geheimnis des Ortes zu lüften. 
 
Auch Lukas Gritzner zieht einen Spannungsbogen von Kontexten der 90er-Jahre in die Gegenwart. Den Kern bilden Referenzen zu künstlerischen und aktivistischen Positionen der 90er-Jahre, die sich mit HIV und AIDS auseinandergesetzt haben und im Speziellen deren Einfluss auf queere Ästhetik und Community- Building. until we meet again (2021) ist eine Multimedia-Installation, die als Bühne und Studio dient. Im Juni 2021 war sie temporärer Ort, an dem Performances, Talks, Konzerte und DJ Sets für die FRUITFEST aufgenommen wurden. Wichtiger Teil war die Lecture-Performance on intimacy, kink and boundaries (2021) von Aaron/Nora Scherer, die Themen wie Selfcare, S_xpositivität, Vanilla Shaming und Selbstvergnügen aufgegriffen hat und von Nikita Zhukovskiy (Film und Produktion) zu einer Videoarbeit zusammengefasst wurde.  

Berührung, Grenze und Barriere sind Assoziationen, die ebenfalls bei Betrachtung der Skulptur Geliebte des Regens #3 (Nargaroth)/ The Black Clouds Roll Under the Parapet of the Sky #3 (Judas Iscariot) (2021) von Christoph Vogelbauer auftauchen können. Die zwei meterlange Metallskulptur mit Spitzen auf einem Baumstumpf liegend, verzahnt, versperrt und verhakt sich im Raum und behält trotz ihrer Massivität und Größe etwas Modellhaftes. Bezug nehmend auf ein gleichnamiges Black Metal Album, dessen atmosphärisches Intro von Regen- und Wassergeräusche sich mit gutturalen Gesang und tiefen E-Gitarrentönen überlagert, spielt die Arbeit mit Kontrast und Verbindung von organischer und industrieller Materialität. In bautechnisch anmutenden Zeichnungen testet der Künstler weitere Funktionsmöglichkeiten, Stellungen, architektonische Nutzungsweisen und mögliche Zerlegungen der Skulptur.

Bei Ursula Gaisbauer mündet die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsort in der poetischen Verbindung des Lebensanfangs mit seinem Ende. In ihrer in situ Arbeit Traces of a lifespan (2021) inszeniert sie den Wickeltisch als Setzkasten, in dem gefundene Alltagsgegenstände und persönliche Dinge Spuren eines vergangenen Lebens hinterlassen. In Zusammenarbeit mit einem Trödelladen aus der Nachbarschaft platziert die Künstlerin dort gefundene Objekte und fragt, was am Ende eines Lebens bleibt? Oder was schlussendlich als wertvoll oder unnütz erachtet wird? 

Schlusspunkt der Ausstellung bildet die Begegnung mit einer der vielschichtigen Textilskulpturen Francesca Aldeganis: No Memory Source (2021). Am Balkon schwebend verwebt die totemähnliche Figur Spuren und Codes, die sich auf kollektive und/ oder persönliche Archive beziehen sowie archetypische Formen aufgreifen. Ihre detailreichen Textilarbeiten bedeuten für die Künstlerin Selbstbeobachtung und Meditation und stehen gleichzeitig für einen feministischen Akt der Rebellion gegen die Anonymität. Ob die kleine ergänzende Stickerei Adesso (italienisch für jetzt) als Aufruf zur Rebellion oder schlicht ein Besinnen auf den Moment zu verstehen ist, bleibt Entscheidung der Betrachter:innen.
 

BIOGRAFIEN

Francesca Aldegani studierte von 2013 - 2019 Ortsbezogene Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien, sowie Industrial Design und Techniques of Natural Fibres in Nomadism in Mailand. Thespacearound.me ist ihr Alias-Name. Ihre künstlerische Praxis orientiert sich zunehmend an der Erforschung des Animismus und der Morphischen Felder. Aldegani fokussiert sich auf archetypische Formen und auf die intuitiven und rituellen Aspekte, die hinter der künstlerischen Konzeption stehen. In textilen Skulpturen, experimentellen Gravuren und ephemeren Installationen integriert sie gefundene und gesammelte Materialien, die aus ihrer privaten Sphäre sowie aus industriellen und volkstümlichen Umgebungen stammen.
www.thespacearound.me  

Alice von Alten studierte von 2010 bis 2016 Landschaftsdesign/Ortsbezogene Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien und besuchte 2015 die Klasse Inter-Architecture an der Rietveld Academie in Amsterdam. In ihren medienübergreifenden Arbeiten untersucht und hinterfragt sie die kulturelle Vermittlung von Naturbildern und -vorstellungen. Durch Dekonstruktion und Dekontextualisierung vertrauter Bilder, welche in neue Kompositionen fließen, erforscht sie Wege der Natur- und Selbstwahrnehmung. 
www.alicevonalten.com 

Hanna Burkart absolvierte an der Universität für angewandte Kunst die Studien Industriedesign und Ortsbezogene Kunst. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit konstruktiven Formen des Tuns und Nichts-Tuns auseinander, mit den Wechselwirkungen von Räumen und Verhalten, sowie den räumlichen und sozialen Aspekten alltäglicher Kulturtechniken, wie dem Gehen, dem Schlafen und dem Wohnen. In ihren Performances werden gewohnte und vermeintlich sichere Lebensbedingungen verlassen, um Möglichkeiten und Praktiken zu zeigen, die den eigenen und fremden Handlungsraum erweitern. Auf dem Wissen dieser physischen Erfahrungen aufbauend schafft Burkart weitere ortsbezogene Arbeiten – Zeichnungen, Objekte, Installationen.
www.hannaburkart.com

Ursula Gaisbauer setzt sich in ihren meist ortsbezogenen Arbeiten mit dem Raum und dessen Besonderheiten auseinander. Sie eignet sich vorhandene Materialien an, leitet Wege um, spielt mit den Maßstäben und verschiebt die Grenzen, indem sie beispielsweise Wände durchbricht.
Ihre Arbeit zielt darauf ab, unsere Wahrnehmung von Raum und Material zu hinterfragen. Sie stellt neue Beziehungen zwischen dem Ort und seiner Geschichte, dem Material und seiner Form, dem Menschen und der Gesellschaft her. Im Moment entsteht das Kunstbuch MINING, das sich mit 'Spaces in Transition' bzw. Architektur im Um- oder Abbruch künstlerisch auseinandersetzt und die Projekte UNTERTAGE (Sao Paulo, 2018) und FILMHAUS (Wien, 2020) dokumentiert und erweitert. 
www.ursulagaisbauer.com

Lukas Gritzner ist ein Multimediakünstler, der an der Universität für angewandte Kunst in Wien ortsspezifische Kunst studierte. Die meisten seiner Arbeiten sind skulpturale und multimediale Installationen, die oft auch einen poetischen und sozialen Charakter haben. Ästhetische und theoretische Bezugspunkte sind verschiedene queere Subkulturen, deren Spektrum von Drag über Fetisch bis zur schwulen Skinhead-Kultur reicht. Zuletzt hat er die queere Community-Plattform FRUITFEST mitbegründet und -organisiert.
www.fruitfest.club 

In Zusammenarbeit mit:
Aaron/Nora Scherer ist Künstler*in, Sexarbeiter*in, Bodyworker*in und Aktivist*in aus Deutschland. Derzeit lebt aaron in Wien und studiert an der Akademie der Bildenden Künste. Ausgehend von Fragestellungen zu sozialen Dynamiken entstehen partizipative und immersive Performances, in denen eine intensive Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Formen der Kommunikation und Intimität stattfindet. Des Weiteren umfasst aarons Praxis die Arbeit mit Video, Sound und Skulptur. Es entstehen mehrdeutige Werke, die den Körper entfremden und Identität als fluides Werkzeug begreifen.
www.noraaaronscherer.com

Nikita Zhukovskiy ist ein Transmedia-Künstler, der an der Schnittstelle von Queer-Theorie und digitaler Kunst arbeitet. Geboren in Moskau, Russland, studierte er Bildende Kunst und New Art Strategies an der British Higher School of Arts and Design bzw. am ICA Moskau und machte seinen Magister in Medienkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Derzeit lebt er in Berlin, Deutschland. Er schafft Objekte, Skulpturen, Fotografien, Klangkunst und Installationen, die sich mit Fragen der Identitätspolitik, der Subjektivität der Wahrnehmung, der Bedeutung von Handlung und Sicherheit in öffentlichen und privaten Räumen und der Vorstellung von Grenzen zwischen diesen Räumen befassen.
https://www.nikitazhukovskiy.com/ 

Ana Likar ist Absolventin der Abteilung für ortsspezifische Kunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Ihr künstlerisches Interesse liegt im Untergründigen und Verborgenen und beschäftigt sich mit Fragen nach den Bedingungen und der Produktion von Erzählungen und Bildern. Mit minimalen Eingriffen versucht sie freizulegen, was nicht zu sehen ist - mit dem Wunsch, dem Unsichtbaren Raum zu geben und das Sichtbare zu entlarven. Erodierte Fortschrittsvorstellungen, Ruinen der Moderne, ideologische Schleifen in populärwissenschaftlichen Diskursen sowie Raum- und Zeitreisen sind Themen, die in ihren Arbeiten oft in Schichten, (Nicht-)Transparenzen und Wiederholungen ihre Form finden. 

Christoph Voglbauers Praxis befindet sich vorwiegend im Bereich der zeitgenössischen Bildhauerei und Architektur, allerdings vertritt er einen von Gattungsgrenzen weitgehend unabhängigen Kunstbegriff und arbeitet dementsprechend je nach Projekt mit verschiedenen Medien und Formaten. Es ist Teil des künstlerischen Selbstverständnisses und seiner Arbeitsweise, sich einem möglichst heterogenen Publikum über Geschlechtergrenzen und soziale Klassen hinweg zu öffnen.

 

 

Foto: Detail der ehem. Neugeborenen-Station, Semmelweis-Frauenklinik Wien