2020 September 22 / 19:00
Student Projects/Diplomas
Übergang. Dazwischen, Danach, Post-...

Sieben Künstler_innen, die zwischen 2015 und 2020 ihr Studium an der Abteilung Ortsbezogene Kunst abgeschlossen haben, zeigen im Rahmen der Parallel Vienna aktuelle künstlerische Arbeiten. Eine Annäherung an die Vielfalt der künstlerischen Praktiken. Energie und Freude. Fragmente, Einblicke. Nur ein Dazwischen. Vielfältige Wege.


Abstrakte Wege in Linien gefasst, ein Versuch der Orientierung. Der Blick von Oben auf eine kultivierte, bunte Landschaft: Urban Landscape von Alice von Alten. Orientalische Teppiche von abstrahierten Gärten transferieren das Draußen nach Innen. Eine Skulptur aus Teppichresten. Die Landschaft in den Raum gekippt.

Erzählungen über Orte der Massenproduktion. Postproduktion: Abfälle und Überreste des Laserdrucks werden im Druckverfahren aufgewertet und „reaktiviert“. Die Leerstellen der Laserformen deuten auf ein Abwesendes hin, bilden in ihrer geometrischen Anordnung neue Räume und aktivieren die Erinnerung an den Prozess der Arbeit. Francesca Aldeganis The Working Memory Collection. Eine Serie, kontinuierlich fortgeführt, wie der industrielle Prozess.

Virtuelle Karten- und Weltmodelle beeinflussen den physischen Raum. Sie zeigen nicht die Wirklichkeit, sondern Ausschnitte. Eine imaginäre Reise mit Google Street View in sieben Länder zu den Datencentern von Google. Eine Annäherung an Lanschaft und wie sie sich darstellen lässt, dargestellt wird. Postcorona? Analog abfotografiert. Benedikt Meixls Your Cloud Storage is Almost Full. Im Transfer aus der digitalen Sphäre in die Dunkelkammer werden die Bilder zu Objekten. Vordigital. Sie erzählen von den Orten der Datenlagerung. Ein eigenes Narrativ über diese Machtorte der Tech-Konzerne.

Eine andere Form von Erzählen. Ein Fisch berichtet. Der Sonnenbarsch. Postfaktisch? Christina Grubers Suns of the Cloud. Fakt ist die konkrete Auswirkung von digitalen Netzwerken und deren Infrastrukturen auf unsere Umwelten. Auf die Gewässer, die von den Servern gewärmt werden. Sozio-politische und ökologische Veränderungen gehen damit einher, die werden auf dem Rücken „nicht-heimischer" Arten, wie dem Sonnenbarsch, ausgetragen. 

Eine Erzählung, durch die sich auf verschiedene Arten navigieren lässt. Der Titel ist der erste Schritt ins Feld von Irene Reichart. Immer ein anderes Denkfeld. Ein Netzwerk von Anschauungen, Ideen, Konzepten, Begriffen. Der Text kann linear, der Nummerierung, dem Gedankenstrom folgend gelesen werden. Postdramatisch. Eine andere, zusätzliche Möglichkeit, sich durch das Denkfeld zu bewegen, bieten die Hyperlinks. Eine Verbindung zwischen den Zeilen. Durchquerung. Ein Weg, mehrere, verzweigt.

Ein anderer Weg: die Aneigung eines Ortes durch das permanente Vor-Ort-Sein. Schlafen auf dem Dach, unter freiem Himmel. Not allowed here. Der Rahmen definiert die Möglichkeiten. Das Leben und Arbeiten als kontinuierliche Performance. Gespiegelt, was im Kapitalismus ist. What Will I Do Here? von Hanna Burkart. Ein Arbeitstitel. Sie reagiert, auf das, was da sein wird, auf die Fülle und die Fragmente.

Orte, die durch die Erzählung entstehen. Die durch Daten abgebildet werden. Astronaut von Nadine Hirschauer. Ein Wetterballon, raumfüllend aufgeblasen. Seiner Bestimmung enthoben. Post-Cloud. Er verunmöglicht den Raum, verdichtet ihn, trotzdem tänzelt er, kommt aber nicht weg und nicht raus. Fliegt nicht in die Stratosphäre, um an meteorologische Daten zu gelangen. Aktuell. Im Zuge des eingeschränkten Flugverkehrs durch die COVID-19 Pandemie steigen mehr Wetterballone auf um an meteorologische Daten zu kommen. Es fliegen zu wenige Flugzeuge im Moment. Eine Sehnsucht nach Orten, die anderswo sind.

 

Biografien

Francesca Aldegani 
Lebt und arbeitet in Wien. Thespacearound.me ist das Pseudonym der Künstlerin und spiegelt sich als Statement in ihrer künstlerischen Arbeit. Sie erforscht in ihrer Arbeit die Bedeutung von Animismus und der Einheitlichen Feldtheorie. Sie beleuchtet die instinktiven und rituellen Aspekte ihrer künstlerischen Konzeption, und übersetzt sie in textile Skulpturen, experimentelle Drucke und ephemere Installationen. In den Prozess ihrer künstlerischen Produktion integriert sie gefundene und gesammelte Materialien aus industriellen oder volkstümlichen Umgebungen.
https://www.thespacearound.me/

Alice von Alten studierte von 2010 bis 2016 Landschaftsdesign/Ortsbezogene Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien und besuchte 2015 die Klasse Inter-Architecture an der Rietveld Academie in Amsterdam. In ihren medienübergreifenden Arbeiten untersucht und hinterfragt sie die kulturelle Vermittlung von Naturbildern und -vorstellungen. Durch Dekonstruktion und Dekontextualisierung vertrauter Bilder, welche in neue Kompositionen fließen, erforscht sie Wege der Natur- und Selbstwahrnehmung. 
https://alicevonalten.com/

Hanna Burkart studierte Industriedesign und Ortsbezogene Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit konstruktiven Formen des Tuns und Nichts-Tuns auseinander, mit den Wechselwirkungen von Räumen und unserem Verhalten, sowie den räumlichen und sozialen Aspekten alltäglicher Kulturtechniken, wie dem Gehen, dem Schlafen und dem Wohnen. Seit April 2016 lebt die Künstlerin bewusst ohne fixen Wohn- und Arbeitssitz. Neben der Entwicklung und Dokumentation ihrer nomadischen Lebensweise, sieht sie das Schlafen und Wohnen als performative Praxis, um Räume und soziale Gegebenheiten vielschichtig zu erleben. Daraus entstehen ortsbezogene Arbeiten – Fotografien, Objekte, Installationen oder Interventionen.
http://www.hannaburkart.com/

Christina Gruber, geboren 1987, ist Künstlerin und Gewässerökologin, die an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft arbeitet. Sie hat zuletzt in der Kunsthalle Exnergasse Wien, Ars Electronica Festival Linz, Kunstforum Warschau, Kulturtankstelle Linz und im Chronus Art Center Shanghai, CAC New Orleans, HGK Basel ausgestellt. 
Christina Gruber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Hydrobiologie an der BOKU Wien und arbeitet dort zur Wiederbesiedlung des Störs in der Donau.
https://christinagruber.net

Nadine Hirschauer wurde 1990 in Feldkirch geboren, wo sie heute lebt und arbeitet. Sie studierte Landschaftsdesign/Ortsbezogene Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien und als Gast an der Kunming University for Art & Design in China. Sie hat zahlreiche Projekte im In- und Ausland durchgeführt, bei denen sie Landschaftsmodelle und den öffentlichen Raum im Bezug zu sozialen und gesellschaftlichen Strukturen untersucht. Ausgehend von der Annahme, dass jeder Ort aus Geschichten besteht, durch die wir ihn erst konstruieren, entwickelt sie ortsspezifische Interventionen, Installationen und Texte. 
www.nadinehirschauer.com 

Benedikt Meixl, 1990 in Hallein geboren, studierte Kultur- und Sozialanthropologie, Architektur und Bildende Kunst. 2020 diplomierte er an der Universität für Angewandte Kunst an der Abteilung für Ortsbezogene Kunst. Seine Arbeit dreht sich um die scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften von Materialien, Funktionen, Formen und Medien.
https://cargocollective.com/benediktmeixl

Irene Reichart, geboren 1987, lebt und arbeitet in Wien. Sie studierte Landschaftsdesign/Ortsbezogene Kunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Viele ihrer Arbeiten entstehen aus einer Auseinandersetzung mit Prozessen in der Natur, die auf ihr gestisches und poetisches Potenzial hin befragt werden.

 

 

Foto: Detail der Decke, Altes Gewerbehaus, 2020